Album des Monats

An dieser Stelle wird jeden Monat eine LP vorgestellt, die ich für besonders empfehlenswert halte. Das muss nicht zwangsläufig die beste Platte des jeweiligen Monats sein. Und es muss nicht mal eine Platte sein, die tatsächlich im Monat meiner Besprechung erschien. Allerdings wähle ich schon aus aktuellen Veröffentlichungen aus. Es gibt keine weiteren Bedingungen, außer dass die jeweilige Platte auch auf Vinyl erschienen ist. Und natürlich ist meine Auswahl subjektiv.

Album des Monats Oktober 2018

The Ar-Kaics – In This Time

The Ar-Kaics – In This Time (LP, Wick Records)

Besetzung:

Johnny Ward – guitar, vocals, organ
Kevin Longendyke – guitar, vocals
Patty Conway – drums
Tim Abbondelo – bass

 

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Don’t Go with Him 01:51
A2 Some People 03:03
A3 No Vacancy 02:42
A4 She’s Obsessed With Herself 03:27
A5 Sick ’n‘ Tired 02:52
A6 Cut Me Down 03:47
B1 Distemper 03:40
B2 It’s Her Eyes 03:25
B3 What You Do 03:09
B4 You Turn Me Bad 02:41
B5 In This Time 03:20
B6 Long Way Down 03:24

Völlig aus der Zeit gefallen ist diese Band aus Richmond, Virginia. Eine gute handvoll Singles und eine LP sind von ihnen seit 2013 auf kleinen Labels in limitierten Auflagen erschienen. Die meisten davon inzwischen Sammlerstücke. Nun sind sie beim Daptone Sublabel Wick Records in New York untergekommen. Eine große Karriere mit hohen Radio Rotationen und Chart Notierungen ist dennoch nicht zu erwarten. Dazu klingt die Musik der drei Jungs und des Mädels zu speziell. „Troglodyte teenbeat 60’s style punk“ steht bei Facebook als Beschreibung. Ich könnte es kaum besser sagen. Ja, das ist genau der Sound, den zahllose junge Garagen und High School Bands Mitte der 1960er Jahre infolge der British Invasion in Kleinstädten und Vororten in den USA und Kanada fabriziert haben und auf ebenso zahllosen kleinen runden schwarzen Scheiben unters Volk gebracht haben. Ich liebe diesen Sound wie keinen anderen. Diese mitunter etwas unbeholfenen Arrangements, die dennoch so wunderbar mit den oft wehmütigen und trotzigen Melodien auf’s Schönste harmonieren. Und selbst inhaltlich bei den Texten hat sich in den letzten gut 50 Jahren nicht wirklich viel verändert. Neben den typischen Teenager Problemen der Sorte „Boy meets Girl“ gibt es ja auch nach wie vor die Probleme mit dem Großen und Ganzen. Man fühlt sich als Aussenseiter der Gesellschaft, weil man nicht so tickt wie die Mehrheit. Auch das wird thematisiert. The Ar-Kaics sind ganz klar eine typische Garage Band mit der entsprechenden Attitüde und dem passenden rauen Stil bei Instrumenten wie Gesang. Und doch spielen sie auch sehr gekonnt mit den Gefühlen der Zuhörer, sind sie in der Lage, auch leisere Töne anzuschlagen. Und so hören wir hier sowohl kraftvolle Garage Rocker, wie Jangle Pop und Folk Rock Balladen. Die ganze Bandbreite, die ein Pebbles Sampler hergibt. Die Band war schon mal live in Europa unterwegs. Allerdings weiß ich nicht, ob sie auch in Deutschland waren. Vielleicht kommen sie ja irgendwann auch zu uns. Das Cover der LP hat ein Freund der Band gestaltet. Nun ja, nichts gegen naive Malerei, aber einen Preis gewinnen sie damit nicht. Nicht abschrecken lassen davon, die Musik ist klasse! ****

Album des Monats September 2018

The Orange Kyte Says Yes!

The Orange Kyte – Says Yes! (LP, Little Cloud Records)

Besetzung:

Stevie Moonboots – vocals, guitars

Dave Mulvaney – drums, percussion

Mat Durie – organ, vocals

Matty Reed – saxophon

Robin Schroffel – bass

 

 

 

 

 

 Trackliste:

A1 More In 04:49
A2 Anti-Establishment Haircut 03:49
A3 Echolocation 03:32
A4 Blue Ghosts 03:28
B1 Elvis Shot J.F.K. 03:53
B2  Looks Like Me 2 Me 04:28
B3 Goats 05:07
B4 P.T.R. 05:04

Auf diese Platte wurde ich durch den Kollegen Dirk aufmerksam gemacht. Er spielte ein paar Stücke daraus in seiner Sendung „Versus“ bei radiostone.fm, und ich war spontan begeistert. Die Band The Orange Kyte stammt aus Vancoucer, Kanada. „The Orange Kyte Says Yes!“ ist ihre zweite LP. Die Band nennt ihre Musik selbst Shoegazing psychedelic Dreampop. Kann man so stehen lassen. Alles, was bei mir die berühmten pawlowschen Reflexe auslöst, kommt in der Musik der Band vor. Etwas schleppende melancholische Melodien, verträumt verhallter Gesang, schwirrende Orgelsounds, knackige Rhythmen mit kleinen Fallen und Widerhaken, Jangle Gitarren und Fuzz Riffs. Dazu allerlei Soundeffekte und gelegentlich ein paar Bläser, die sich wunderbar ins Klangbild einfügen und immer wieder an die frühen Roxy Music und Andy Mackay erinnern. Mitunter sind die Songs auch vorwärts drängend und dynamisch treibend. Und obwohl solche Beschreibungen ja vor allem an die frühen Pink Floyd, an britischen Popsike und die späten Sixties denken lassen, hat die Musik der fünf Jungs auch viel von 90er Indie Rock und Pop, Dandy Warhols zum Beispiel. Aber eben auch Shoegazer wie Lush oder Spiritualized. Der letzte Track der Platte „P.T.R.“ könnte dann fast von der dritten Led Zeppelin LP stammen, erinnert mich an „Tangerine“. Aber keine Bange, diese LP hier ist doch ziemlich anders. Sehr abwechslungsreich und voller Überraschungen. Von Glam Rock über Eighties Gitarren Pop (The Church, Echo & The Bunnymen) bis zu Nineties Shoegazer Klängen ist alles dabei und noch viel mehr. Auch aktuelle Zeitgenossen wie Ariel Pink oder Ty Segall dürfen als Referenz herhalten. Böse Zungen behaupten gar, das sei zu viel durcheinander. Letztlich spielt die Band ihr eigenes Ding. Anhören wird dringend empfohlen. Ich bin bereits süchtig nach The Orange Kyte! ****

Album des Monats August 2018

The Uschi Obermaier Experience – Trouble

The Uschi Obermaier Experience – Trouble (LP/CD, Dedication Records)

Besetzung:

Bernd Hövelmeyer – vocals, guitars

Gunnar Gliech – vocals, bass, acoustic guitar, harp

Michael Ulbricht – drums

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 WhyWhyWhy 03:11
A2 Bag Of Bones 03:15
A3 New Drug In Town 03:22
A4 Leave Me Alone 02:01
A5 Too Good To Be Wasted 03:29
A6 Trouble 03:39
B1 Let´s Get Funky 04:42
B2 We Don´t Wanna Be Like Them 02:59
B3 Little Miss Understanding 03:16
B4 Whistleblower 02:12
B5 Burning Down The House 02:29
B6 Devil In The Details 04:05

Die dritte LP der Band aus Bielefeld ist das nun schon. Und wieder ist es eine sehr solide Rock’n’Roll Platte. Einerseits traditionell, andererseits auch zeitgemäß und modern in den Themen und der Attitüde. R&B und Pub Rock stehen Pate. Die Tyla Gang etwa oder Doctor Feelgood fallen mir da ein. Aber auch The Clash dürften in Bielefeld oft gehört und geschätzt werden. Auf dem Backcover sind nur noch drei feste Bandmitglieder aufgeführt, aber im Studio hatten die Jungs dann doch weitere Unterstützung an Gitarren und Keyboards. Die Wurzeln der Band sind in der Punk Szene Ostwestfalens zu finden. Und auch das hört man mitunter noch raus. Allerdings hat sich der Sound der UOXP mit dieser neuen Platte doch noch viel weiter aufgefächert, so dass auch der Cover Star der LP, der Sioux Häuptling Crazy Horse, durchaus Sinn macht. Dazu passt dann auch das Country affine Titelstück der LP „Trouble“. An anderer Stelle sind Einflüsse der Herren Townshend und Daltrey rauszuhören, wie etwa bei „Leave Me Alone“. Einzige Coverversion auf dem Album ist „Let’s Get Funky“ (von Hound Dog Taylor im Original), das die Jungs durch die Band „Beasts Of Bourbon“ von Down Under kennenlernten. Die ganze LP ist recht abwechslungsreich. Insgesamt 12 Tracks, mal mit viel Druck und Tempo, dann wieder eher laid back und fast verhalten vorgetragen. Und obwohl das hier natürlich eine Rock LP ist, gibt es auch den einen oder anderen Popsong darauf. „Little Miss Understanding“ ist so einer. Mit eingängiger Melodie, unwiderstehlichem Hook und hohem Mit-Sing-Faktor gehörte dieser Titel eigentlich in jedes Radioprogramm nicht nur bei den kleinen Internetsendern. Bleibt nur zu wünschen, dass die Band auch mal weiter weg von Bielefeld live zu sehen sein wird. Hier in Berlin zum Beispiel. Ich würde hingehen. Einstweilen höre ich die LP immer wieder gerne. Tolle Platte! ****

Album des Monats Juli 2018

BigFeet & LaLa – Pet Me!

BigFeet & LaLa – Pet Me! (LP/CD, Playground Music)

Besetzung:

Marjo Leinonen – lead vocals

Jukka Orma – guitar, organ, piano, backing vocals

Mikko Murtomaa – bass, backing vocals

Sami Vettenranta – drums, backing vocals

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Brother Cain 03:26
A2 Pet Me 03:55
A3 Skeleton Trees 03:48
A4 Wasted 03:12
A5 Holy (Get A Life!) 04:49
A6 Fly High 03:50
B1 Feel Good 04:46
B2 Ground Woman Homesick Blues 02:18
B3 Funk 04:08
B4 Dig A Hole (Without You) 04:11
B5 Biding My Time 05:26

Aus Finnland mitgebracht habe ich dieses wunderbare Debütalbum der Band mit dem seltsamen Namen BigFeet & LaLa. Erschienen ist die LP bereits Ende April, aber in einer so kleinen Auflage, dass man inzwischen längst nur noch die CD Version regulär bekommt. Die beteiligten Musiker sind übrigens in Finnland durchaus keine Unbekannten. Jukka Orma, der Gitarrist und Hauptsongschreiber hier, begann seine musikalische Karriere Ende der 1970er Jahre. 1981 schloss er sich der damals ziemlich angesagten Band Hassisen Kone um den Sänger Ismo Alanko an. Und nach der Auflösung der Band war Orma dann auch Gitarrist der Nachfolger Sielun Veljet, die eine ziemlich geniale Mischung aus Rock, Funk und Psychedelia bis Ende der 80er spielten, aber über Kultstatus eigentlich nie wirklich hinaus kamen. Auch an diversen Side Projects von Ismo Alanko war Orma beteiligt. In den 1990er Jahren tauchte Orma als Gastmusiker bei diversen Produktionen bekannter und erfolgreicher finnischer Rock und Pop Musiker auf. Und er veröffentlichte auch ein paar solo LPs, die letzte 2016. Mit Marjo Leinonen, der Sängerin hier, kam Orma 1989 in Kontakt. Er produzierte die Debüt LP der finnischen Blues Rock Band Balls, deren Sängerin Leinonen war. Der Drummer hier mit dem Spitznamen Sande spielte schon bei den Balls mit Leinonen zusammen. Und der  Bassist Mikko Murtomaa ist in der finnischen Blues und Soul Szene auch kein völlig Unbekannter. Zusammen bieten die vier hier ein großartige Mischung aus funkigem Blues, groovenden Soul Parts, rauem R&B und mitunter sehr gefühlvollem Jazz informiertem Surf Pop. Leinonen hat eine durchaus kraftvolle Stimme, die bisweilen an Etta James oder gar die jüngst verstorbene Aretha erinnert. Auch Janis Joplin kann als Referenz herangezogen werden, obwohl Marjo nie in dieses Gröhlen und Kreischen verfällt, das Janis auf der Bühne mitunter im Überschwang hören ließ. Elf Tracks sind hier versammelt. Erstaunlich abwechslungsreich, so dass nicht nur Puristen ihre Freude an dieser Platte haben können. Für mich ist das bereits jetzt ein Album des Jahres! ****1/2

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