Album des Monats

An dieser Stelle wird jeden Monat eine LP vorgestellt, die ich für besonders empfehlenswert halte. Das muss nicht zwangsläufig die beste Platte des jeweiligen Monats sein. Und es muss nicht mal eine Platte sein, die tatsächlich im Monat meiner Besprechung erschien. Allerdings wähle ich schon aus aktuellen Veröffentlichungen aus. Es gibt keine weiteren Bedingungen, außer dass die jeweilige Platte auch auf Vinyl erschienen ist. Und natürlich ist meine Auswahl subjektiv.

Album des Monats April 2019

The Groovy Cellar – Soulmates (Firestation Records)

The Groovy Cellar – Soulmates

Besetzung:

Gunnar Berndorff – drums, vocals, percussion
Knut Eigler – guitars, glockenspiel
Matthias Hanich – vocals, bass, guitars
Olaf Schumacher – vocals, guitars
Siggi Kesselmann – piano, organ, harpsichord, vocals

Trackliste:

A1 Soulmates                                             4:07
A2 Another You                                          3:44
A3 Faker                                                     3:57
A4 Keep In Touch                                      3:56
A5 February Girl                                         2:51
A6 Fool For You                                         3:18
B1 In The Limelight                                    3:21
B2 Ladybug                                                3:13
B3 This Is Tomorrow                                  3:28
B4 Jennifer Gentle And Me                       3:07
B5 She’s An Academic                              2:18
B6 How Do You Sleep?                             4:15

Das dritte Album der Berliner Neo-Mod, Soul, Pop Gruppe, die es nun schon seit über 25 Jahren gibt. Hervorgegangen damals in der Berliner Neo-Sixties, Mod und Garage Pop Szene aus den Most Wanted Men, The Candy Dates und The Beat Godivas bzw. einzelnen Mitgliedern dieser Bands. 1994 erschien ihre erste (und beste) Single auf dem Label von yours truly. 1996 dann ein Album beim Hamburger Label Marsh Marigold leider nur als CD. Eine CDEP auf Marsh Marigold folgte 1998 und dann zwei Vinyl EPs bzw. Singles bei Firestation Records in Berlin bereits im neuen Jahrtausend. 2013 dann ein Album auf Vinyl bei Firestation mit dem Titel „Affordable Art For All“. Nun sechs Jahre später knüpft die Band dort an mit einer weiteren Sammlung von fein aufeinander abgestimmten Popperlen. Dieses Mal stammen alle Kompositionen von Mitgliedern der Band, wobei Olaf „Mr. Magic“ Schumacher den größten Anteil hat, gefolgt von Matthias „Pierre Le Fou“ Hanich und Siggi „Ziggy“ Kesselmann. Stärker vielleicht noch als bisher orientieren sie sich an ihren englischen Vorbildern von Dan Treacy über Martin Newell bis zu Ray Davies. Und nicht zuletzt zitieren sie sich auch schon mal selbst wie in „This Is Tomorrow“. Die Wurzeln in Art Pop, Mod Kultur und Swinging London von 1966/67 aber auch 1981/82 sind ganz offensichtlich. Nicht umsonst ist die Band nach einem legendären Londoner Club der frühen Achtziger benannt. Wunderbare Melodien, jangelnde Gitarren aber auch feine Orgel und Harpsichord Klänge, dazu die solide rhythmische Grundlage und Unterstützung von Bass und Schlagzeug. Gelegentlich gibt es eine Trompete als Zugabe. Und bei „Ladybug“ singt eine gewisse Miss Blacksmith die Hauptstimme. Der Titeltrack „Soulmates“ ist auch ein Verweis darauf, dass Olaf immer noch regelmäßig bei Northern Soul Parties auflegt. Alles in allem eine großartige Platte, die mit dem hymnisch verträumten „How Do You Sleep?“ noch nicht zu Ende sein sollte. Darum ist es am besten, man dreht die LP gleich wieder um und hört sie von vorne. ****1/2

Album des Monats März 2019

Nick Waterhouse – Nick Waterhouse (Innovative Leisure)

Nick Waterhouse

Besetzung:

Nick Waterhouse – vocals, guitars
Bart Davenport – guitars, backing vocals
John Anderson – bass, guitars
Eric Jackowitz, Matt Tecu – drums
Jared Tankel, Paula Henderson – saxophone
Paul Butler – piano

Trackliste:

A1 By Heart                                                4:03
A2 Song For Winners                                 3:00
A3 I Feel An Urge Coming On                    3:20
A4 Undedicated                                          4:08
A5 Black Glass                                           3:28
B1 Wreck The Rod                                     2:41
B2 Which Was Writ                                    2:44
B3 Man Leaves Town                                3:02
B4 Thought & Act                                      4:10
B5 El Viv                                                    3:19
B6 Wherever She Goes (She Is Wanted)  3:17

Fast drei Jahre hat er sich Zeit gelassen für sein nun schon viertes Album, der immer noch junge self-made Musiker und Produzent aus Kalifornien. Aus Santa Ana stammt er, und schon früh hat er sich für die Roots dessen interessiert, was man so landläufig Americana nennt. Country, aber auch Blues, R&B und Jazz. Und seit seiner ersten LP im Jahr 2012 hat er die Mischung seiner eigenen Rezeptur aus diesen Zutaten kaum verändert. Was dabei herauskommt, das ist eine zeitgenössische Variante von ganz relaxtem Rock’n’Roll. Wobei Rock’n’Roll vielleicht doch nicht ganz zu 100% stimmt. Oft klingt das so sparsam und laid back, dass man an Barmusik aus den frühen Sixties oder späten Fifties denken muss. Aber ist das nicht auch Rock’n’Roll? Die Instrumentierung, das Arrangement sind immer absolut songdienlich und ökonomisch. Eine dezente Surf Gitarre hier, ein paar Bongos dort. Lediglich das Saxophon neigt immer mal zu etwas kräftigeren solistischen Ausbrüchen. Andererseits erklingt hier und da ein Piano. Auch eher sparsam. Und dann gibt es knappe Bläsersätze und kleine Shout Einlagen vom Backing Chor. Walking Bass und eine dezent abgestoppte Rhythmusgitarre ergänzen das Klangbild, während eine Leadgitarre sogar mal ein kleines spartanisches Solo beisteuert. Die Songs sind so eingängig wie abwechslungsreich. Die ganze Platte atmet eine Atmosphäre von verr(a)uchten Bars und Clubs einer vergangenen Ära. Wer Nick Waterhouse mit voller Bandbesetzung mal live erlebt hat in einer kleinen Location, weiß genau was ich meine. Nick Waterhouse ist die Reinkarnation dessen, was damals cool war, als Fats Domino, Mose Allison, Buddy Holly oder Gene Vincent jung und wegweisend waren. Was soll man sonst noch sagen zu dieser LP? – Kaufen, hören, dazu tanzen vielleicht, aber vor vor allem immer wieder hören und eintauchen in eine musikalische Welt, die es so heute eigentlich kaum noch gibt. ****

Album des Monats Februar 2019

Motorpsycho – The Crucible (Stickman Records)

Motorpsycho – The Crucible

Besetzung:

Thomas Järmyr – Schlagzeug, Perkussion, Gesang und Mellotron
Hans Magnus Ryan – Gitarre, Gesang und Piano
Bent Sæther – Bass, Gesang, Gitarre und Mellotron

Trackliste:

A1 Psychotzar           08:43
A2 Lux Aeterna         10:56
B1 The Crucible        20:51

 

 

 

 

 

Für den Februar fiel mir die Entscheidung zunächst gar nicht so leicht. Das Album des Neu-Berliners Bob Mould einerseits und das zweite Album von The Claypool Lennon Delirium standen zur Auswahl. Aber während Mould mir trotz aller Spielfreude ein wenig zu gleichförmig vorkommt, überzeugt mich das neue Werk von Sean Lennon und Les Claypool noch nicht so ganz wie ihr Debüt. Dann kam Ian Brown in die engere Wahl und ich glaubte schon, jetzt hab‘ ich das richtige gefunden. Obwohl mir „Ripples“ viel besser gefällt als vorangegangene Solo-Platten des ehemaligen Stone Roses Sängers, war ich mir dann doch nicht mehr so sicher. Auftritt Gary Clark Jr. Das hätte es sein können. Tolle, abwechslungsreiche Platte! Aber ich hab‘ sie erst einmal gehört. Das muss noch reifen.

Also komme ich zu Motorpsycho, die nun wieder mal beweisen, dass sie nicht zu unrecht seit 30 Jahren im Geschäft sind. Mit „The Crucible“ haben sich die Drei selbst übertroffen. So muss Progressive Rock sein, wenn man denn dieses ausgelutschte Etikett überhaupt noch verwenden mag. Im August 2018 haben die Norweger die Platte in den Monnow Valley Studios in Wales aufgenommen. Als Co-Produzenten haben sie sich Andrew Scheps dazugeholt, der von den Red Hot Chili Peppers über Black Sabbath und Metallica bis zu U2, Adele und Lana Del Rey schon mit diversen Größen des Rock und Pop gearbeitet hat.  Und ihr alter Kumpel Deathprod ist auch hinterm Mischpult mit dabei. Nur drei Tracks sind auf dem Album. Aber was für welche! Der Opener „Psychotzar“ bietet psychedelischen Heavy Rock, mitunter an Hendrix erinnernd, aber auch Neil Youngs „Psychedelic Pill“ ist nicht fern. Trotz fast neun Minuten Länge eine kompakte Angelegenheit, bei der keine Wendung und kein Ausbruch zu viel erklingt. Danach folgt mit „Lux Aeterna“ eine kleine Reise durch die verschiedenen stilistischen Möglichkeiten, die Prog einschließt. Soft und leicht verträumt folky zunächst wächst der Track zu einem klassischen Frühsiebziger Prog Klassiker heran mit schöner Melodie und immer wieder Dynamikwechseln. Im Mittelteil dann ein unerwarter Ausflug in Free Jazz Gefilde. Passt hier erstaunlich gut und nervt gar nicht. Dann natürlich die Brigde zurück zum ursprünglichen Thema und ein an frühe King Crimson erinnernder fulminanter Ausklang. Der Titeltrack nimmt dann die ganze zweite LP Seite ein mit seinen fast 21 Minuten.Und doch, wie bei klassischem Prog ja nicht unüblich, besteht der Track aus mehreren Teilen, die man nun aber besser im Ganzen anhört, damit sie ihre monumentale Wirkung gebührend entfalten können. Freunde des klassischen Prog Rocks werden hier vermutlich dennoch etwas verstört sein. So viel Noise Rock, solche Gitarren-Monster sind sonst nicht so üblich in diesem Genre. Wie gesagt, es wird viel Abwechslung geboten in diesen 21 Minuten. Da kommt dann auch der gewöhnliche Prog Fan auf seine Kosten. Tempowechsel, Dynamikwechsel, hymnische Melodiefetzen, viel Mellotron, aber auch treibende Rhythmen und feine Bassläufe. Eigentlich hatte ich geglaubt, ich hätte meine Prog Phase inzwischen überwunden. Mit Motorpsycho bin ich wieder mitten drin. Großartige Platte! ****1/2

Album des Monats Januar 2019

Night Beats – Myth Of A Man

Night Beats – Myth Of A Man (Heavenly)

Besetzung:

Danny Lee Blackwell – guitars, vocals
Sam Thorton – bass
Evan Snyder – drums

 

 

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Her Cold Cold Heart 03:08
A2 One Thing 03:26
A3 Stand With Me 03:51
A4 There She Goes 03:33
A5 (Am I Just) Wasting My Time 03:02
B1 Eyes On Me 02:55
B2 Let Me Guess 02:30
B3 Footprints 03:18
B4 I Wonder 03:27
B5 Too Young To Pray 03:36

Ok, im Gegensatz zu früheren Platten der Band, steht hier nicht mehr der Acid Rock Einfluss aus Texas im Vordergrund. Die Night Beats spielen inzwischen gediegene Americana. Und doch, gleich beim zweiten Stück „One Thing“, das übrigens auch schon als Single vorab erschien, geht es gleich wieder recht psychedelisch zur Sache. Undzwar wie gewohnt amerikanisch psychedelisch, nicht britisch. Im Übrigen steht der Band aber der gut abgehangene Südstaaten trifft auf Westcoast Sound mit Tremolo und Slide Gitarre ziemlich gut. Ich bin mir nicht sicher, ob für die hier ebenfalls immer wieder anklingenden poppigen Noten und gefälligen Klänge Co-Produzent Dan Auerbach verantwortlich ist, der ja in letzter Zeit sein Faible für glattere und saubere Produktionen entdeckt zu haben scheint. Im Gegensatz zu manchem etwas enttäuschten Kritiker der neuen vierten LP der Night Beats kann ich jedoch mit diesen scheinbar Mainstream orientierten Aufnahmen sehr gut leben. Ich finde auch gar nicht, dass da was fehlt gegenüber früheren Platten der Band. Man hat sich weiterentwickelt, und nicht etwa zum Nachteil. Die neue Platte ist durchaus vielseitig und breit aufgestellt. Manches erinnert an filmischen Cinemascope Sound. Anderes weckt Erinnerungen and nächtliche Exkusionen am Surfer Strand. Ja, der Sound wurde meist auf Hochglanz poliert, aber er blendet nicht. Ich fühle mich sehr angenehm entspannt und gut unterhalten beim Hören dieser LP, die nach abwechslungsreichen 32 Minuten und zehn Tracks auch schon vorbei ist. Und schwupp, schon setzt die Nadel wieder am Anfang auf, und ich lehne mich zurück und lausche ein zweites, drittes, viertes Mal. Prima Sache! ****

Album des Monats Dezember 2018

The Fernweh

The Fernweh – The Fernweh ((Skeleton Key)

Besetzung:

Jamie Backhouse – guitars, vocals
Ned Crowther – bass, vocals
Austin Murphy – drums, vocals

plus diverse Gastmusiker

 

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 The Liar 03:36
A2 Next Time Around 04:24
A3 Timepiece 03:50
A4 Brightening In The West 02:59
A5 Hand Me Down 03:58
A6 Dressing Up Box 04:00
B1 Is This man Bothering You? 03:24
B2 Winterlude 00:30
B3 A Leaf Didn’t Move 04:41
B4 Where Did The Sea Go? 02:26
B5 One Hundred Flowers Bloom 04:06
B6 New Brighton Sigh 02:56
B7 Little Monsters 05:35
B8 Afternoon Nap 00:57

Wie diese Band auf ihren Namen The Fernweh gekommen ist, das weiß ich immer noch nicht. Ich vermute aber, dahinter steckt ein ähnliches Faible für deutsche Fremdwörter wie bei „Gemütlichkeit“ oder bei „Blitzkrieg“. Und für das deutsche „Fernweh“ gibt es im Englischen ja auch keine wirklich genaue Entsprechung. Man muss das umschreiben. Wie auch immer, die Band besteht im Kern aus drei Profimusikern aus Liverpool, die alle bereits als Studiomusiker und Sidemen in diversen Bands und Projekten aktiv waren, von The Zutons über Edgar Jones‘ Band (ex-The Stairs) bis zur Backing Band von Sängerin Candie Payne. Mit The Fernweh stehen sie in einer Tradition von britischem Folk Rock der späten Sixties und frühen Seventies. Und von den leicht psychedelischen Verästelungen jener Zeit sind sie ebenso inspiriert. Herausgekommen ist dabei ein wirklich wunderschönes, sehr atmosphärisches Debütalbum, das von manchen Fans und Kritikern bereits als Album des Jahrzehnts tituliert wird. So weit möchte ich nun nicht gehen. Aber auch mir gefällt diese Platte ausnehmend gut. Und ich höre sie gerne immer wieder, besonders auch an so heimeligen, dunklen Wintertagen daheim im Halbdunkel bei Kerzenschein. Dazu passt diese Musik ganz ausgezeichnet. Die Platte ist durchaus vielseitig. Da klingt wie gesagt Folk Rock à la Fairport Convention an. The Moody Blues in ihrer frühen Threshold Phase lassen grüßen. Aber natürlich gibt es auch Bezüge zu aktuellen Brit-Gitarren-Pop Bands wie The Coral. Mitunter wird sogar ein wenig Soul eingestreut oder mit „Timepiece“ ein Stückchen typische Filmmusik. So viele musikalische Facetten bietet diese Platte, da macht es großen Spaß, sie immer wieder von vorne zu hören. Soulige Bläser hier, eine cheesy Orgel da, Surf Gitarren woanders. Sogar eine Slide Gitarre kommt zum Einsatz neben Fideln und Streichern und allerlei Holzblasinstrumenten. Und die Songs sind so eingängig wie ausgearbeitet, so prägnant wie ziseliert. Trotz einiger leichter Westcoast Anklänge, dies ist ein sehr britisches Album, das in wirklich bester Tradition steht von The Beatles über Donovan bis zu The Stone Roses. Aber genug der Bezüge und Vergleiche, man muss schon dieses Album anhören, um seine Klasse zu erleben!  ****1/2

Album des Monats November 2018

The Grip Weeds – Trip Around The Sun

The Grip Weeds – Trip Around The Sun ((Jem Records)

Besetzung:

Kristin Pinell – lead guitar, vocals
Kurt Reil – drums, vocals
Rick Reil – guitar, keyboards, vocals
Dave DeSantis – bass

 

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Vibrations 03:24
A2 I Like Her 03:19
A3 After The Sunrise 03:32
A4 Mr. Nervous 02:43
A5 Casual Observer (To A Crime) 04:23
A6 Reality Stand Still 04:18
B1 Truth Behind The Lie 03:46
B2 Times I Wasted 02:12
B3 All Things Bright 03:21
B4 Letters 02:48
B5 She Tries 03:31
B6 Trip Around The Sun 06:01

Seit 30 Jahren sind sie nun auch schon im Geschäft, The Grip Weeds aus New Jersey. Ihre zweite Single erschien auf Twang! Records, ebenso wie die dritte und die ersten beiden Alben. Seither sind vier weitere Alben erschienen, sowie ein Christmas Album und eine Live LP. Darüberhinaus gibt es eine Best Of Compilation und eine Platte mit Raritäten und Unveröffentlichtem. Über die Jahre hat die Band ihren Stil entwickelt und verfeinert. Dabei sind sich die Brüder Rick und Kurt Reil und ihre Lead Gitarristin Kristin Pinell, die zugleich Kurts Frau ist, im Prinzip immer treu geblieben. Die Bassisten wurden immer mal ausgewechselt. Seit 2013 ist Dave DeSantis ihr Bassplayer. Das Markenzeichen der Band sind nach wie vor tolle, eingängige Melodien, ausgefeilte Harmonien, kraftvolle Rhythmus Arrangements, Power Akkorde ebenso wie filigrane, ausgefeilte und psychedelisierte Passagen. Was bei dem neuen Album auffällt, es gibt hier und da fast bombastische Arrangements mit Bläsern und gehörigem Druck der Rhythmus Sektion sowie satten Background Chören; bei „Casual Observer (To A Crime)“ zum Beispiel. Andereseits gibt es dann auch gleich wieder zartere Klänge etwas bei „Reality Stand Still“, gesungen von Kristin. Bei „Truth Behind The Lie“ klingt eine Byrds Gitarre inspiriert von „Eight Miles High“ an. Und natürlich sind auch die ursprünglichen Vorbilder der Grip Weeds wie etwa The Moody Blues (ab „In Search Of The Lost Chord“) und The Who ab ca. 1967 immer noch deutlich erkennbar im Stil der Band, der sich dennoch schon lange zu einem ganz eigenen geformt hat. Ich bin immer wieder erstaunt, dass der Band noch wirklich neue und immer wieder großartige Songs einfallen. Insofern ist dieses siebente reguläre Album der Band Weiterentwicklung und Beständigkeit zugleich. Insbesondere ihre Studioarbeit haben die Grip Weeds weiter verfeinert und perfektioniert. Dass sie auch eine tolle Live Band sind, davon konnte ich mich seiner Zeit bei ihrer Deutschland Tournee vor leider schon 24 Jahren überzeugen. Aber auch neuere Live Videos, die man im Netz findet, zeigen, dass die Band alles Zeug dazu hat, richtig groß zu sein. Nun, für die Masse der jüngeren Musik Konsumenten klingt der Sound der Grip Weeds vielleicht doch nicht modern genug. Sie sind halt eine Power Pop Band mit Wurzeln in den späten Sixties und frühen Seventies. Für mich ist dieses Album mal wieder ein Kandidat für eine Spitzenposition des Jahres. ****1/2

Album des Monats Oktober 2018

The Ar-Kaics – In This Time

The Ar-Kaics – In This Time (LP, Wick Records)

Besetzung:

Johnny Ward – guitar, vocals, organ
Kevin Longendyke – guitar, vocals
Patty Conway – drums
Tim Abbondelo – bass

 

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Don’t Go with Him 01:51
A2 Some People 03:03
A3 No Vacancy 02:42
A4 She’s Obsessed With Herself 03:27
A5 Sick ’n‘ Tired 02:52
A6 Cut Me Down 03:47
B1 Distemper 03:40
B2 It’s Her Eyes 03:25
B3 What You Do 03:09
B4 You Turn Me Bad 02:41
B5 In This Time 03:20
B6 Long Way Down 03:24

Völlig aus der Zeit gefallen ist diese Band aus Richmond, Virginia. Eine gute handvoll Singles und eine LP sind von ihnen seit 2013 auf kleinen Labels in limitierten Auflagen erschienen. Die meisten davon inzwischen Sammlerstücke. Nun sind sie beim Daptone Sublabel Wick Records in New York untergekommen. Eine große Karriere mit hohen Radio Rotationen und Chart Notierungen ist dennoch nicht zu erwarten. Dazu klingt die Musik der drei Jungs und des Mädels zu speziell. „Troglodyte teenbeat 60’s style punk“ steht bei Facebook als Beschreibung. Ich könnte es kaum besser sagen. Ja, das ist genau der Sound, den zahllose junge Garagen und High School Bands Mitte der 1960er Jahre infolge der British Invasion in Kleinstädten und Vororten in den USA und Kanada fabriziert haben und auf ebenso zahllosen kleinen runden schwarzen Scheiben unters Volk gebracht haben. Ich liebe diesen Sound wie keinen anderen. Diese mitunter etwas unbeholfenen Arrangements, die dennoch so wunderbar mit den oft wehmütigen und trotzigen Melodien auf’s Schönste harmonieren. Und selbst inhaltlich bei den Texten hat sich in den letzten gut 50 Jahren nicht wirklich viel verändert. Neben den typischen Teenager Problemen der Sorte „Boy meets Girl“ gibt es ja auch nach wie vor die Probleme mit dem Großen und Ganzen. Man fühlt sich als Aussenseiter der Gesellschaft, weil man nicht so tickt wie die Mehrheit. Auch das wird thematisiert. The Ar-Kaics sind ganz klar eine typische Garage Band mit der entsprechenden Attitüde und dem passenden rauen Stil bei Instrumenten wie Gesang. Und doch spielen sie auch sehr gekonnt mit den Gefühlen der Zuhörer, sind sie in der Lage, auch leisere Töne anzuschlagen. Und so hören wir hier sowohl kraftvolle Garage Rocker, wie Jangle Pop und Folk Rock Balladen. Die ganze Bandbreite, die ein Pebbles Sampler hergibt. Die Band war schon mal live in Europa unterwegs. Allerdings weiß ich nicht, ob sie auch in Deutschland waren. Vielleicht kommen sie ja irgendwann auch zu uns. Das Cover der LP hat ein Freund der Band gestaltet. Nun ja, nichts gegen naive Malerei, aber einen Preis gewinnen sie damit nicht. Nicht abschrecken lassen davon, die Musik ist klasse! ****

Album des Monats September 2018

The Orange Kyte Says Yes!

The Orange Kyte – Says Yes! (LP, Little Cloud Records)

Besetzung:

Stevie Moonboots – vocals, guitars

Dave Mulvaney – drums, percussion

Mat Durie – organ, vocals

Matty Reed – saxophon

Robin Schroffel – bass

 

 

 

 

 

 Trackliste:

A1 More In 04:49
A2 Anti-Establishment Haircut 03:49
A3 Echolocation 03:32
A4 Blue Ghosts 03:28
B1 Elvis Shot J.F.K. 03:53
B2  Looks Like Me 2 Me 04:28
B3 Goats 05:07
B4 P.T.R. 05:04

Auf diese Platte wurde ich durch den Kollegen Dirk aufmerksam gemacht. Er spielte ein paar Stücke daraus in seiner Sendung „Versus“ bei radiostone.fm, und ich war spontan begeistert. Die Band The Orange Kyte stammt aus Vancoucer, Kanada. „The Orange Kyte Says Yes!“ ist ihre zweite LP. Die Band nennt ihre Musik selbst Shoegazing psychedelic Dreampop. Kann man so stehen lassen. Alles, was bei mir die berühmten pawlowschen Reflexe auslöst, kommt in der Musik der Band vor. Etwas schleppende melancholische Melodien, verträumt verhallter Gesang, schwirrende Orgelsounds, knackige Rhythmen mit kleinen Fallen und Widerhaken, Jangle Gitarren und Fuzz Riffs. Dazu allerlei Soundeffekte und gelegentlich ein paar Bläser, die sich wunderbar ins Klangbild einfügen und immer wieder an die frühen Roxy Music und Andy Mackay erinnern. Mitunter sind die Songs auch vorwärts drängend und dynamisch treibend. Und obwohl solche Beschreibungen ja vor allem an die frühen Pink Floyd, an britischen Popsike und die späten Sixties denken lassen, hat die Musik der fünf Jungs auch viel von 90er Indie Rock und Pop, Dandy Warhols zum Beispiel. Aber eben auch Shoegazer wie Lush oder Spiritualized. Der letzte Track der Platte „P.T.R.“ könnte dann fast von der dritten Led Zeppelin LP stammen, erinnert mich an „Tangerine“. Aber keine Bange, diese LP hier ist doch ziemlich anders. Sehr abwechslungsreich und voller Überraschungen. Von Glam Rock über Eighties Gitarren Pop (The Church, Echo & The Bunnymen) bis zu Nineties Shoegazer Klängen ist alles dabei und noch viel mehr. Auch aktuelle Zeitgenossen wie Ariel Pink oder Ty Segall dürfen als Referenz herhalten. Böse Zungen behaupten gar, das sei zu viel durcheinander. Letztlich spielt die Band ihr eigenes Ding. Anhören wird dringend empfohlen. Ich bin bereits süchtig nach The Orange Kyte! ****

Album des Monats August 2018

The Uschi Obermaier Experience – Trouble

The Uschi Obermaier Experience – Trouble (LP/CD, Dedication Records)

Besetzung:

Bernd Hövelmeyer – vocals, guitars

Gunnar Gliech – vocals, bass, acoustic guitar, harp

Michael Ulbricht – drums

 

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 WhyWhyWhy 03:11
A2 Bag Of Bones 03:15
A3 New Drug In Town 03:22
A4 Leave Me Alone 02:01
A5 Too Good To Be Wasted 03:29
A6 Trouble 03:39
B1 Let´s Get Funky 04:42
B2 We Don´t Wanna Be Like Them 02:59
B3 Little Miss Understanding 03:16
B4 Whistleblower 02:12
B5 Burning Down The House 02:29
B6 Devil In The Details 04:05

Die dritte LP der Band aus Bielefeld ist das nun schon. Und wieder ist es eine sehr solide Rock’n’Roll Platte. Einerseits traditionell, andererseits auch zeitgemäß und modern in den Themen und der Attitüde. R&B und Pub Rock stehen Pate. Die Tyla Gang etwa oder Doctor Feelgood fallen mir da ein. Aber auch The Clash dürften in Bielefeld oft gehört und geschätzt werden. Auf dem Backcover sind nur noch drei feste Bandmitglieder aufgeführt, aber im Studio hatten die Jungs dann doch weitere Unterstützung an Gitarren und Keyboards. Die Wurzeln der Band sind in der Punk Szene Ostwestfalens zu finden. Und auch das hört man mitunter noch raus. Allerdings hat sich der Sound der UOXP mit dieser neuen Platte doch noch viel weiter aufgefächert, so dass auch der Cover Star der LP, der Sioux Häuptling Crazy Horse, durchaus Sinn macht. Dazu passt dann auch das Country affine Titelstück der LP „Trouble“. An anderer Stelle sind Einflüsse der Herren Townshend und Daltrey rauszuhören, wie etwa bei „Leave Me Alone“. Einzige Coverversion auf dem Album ist „Let’s Get Funky“ (von Hound Dog Taylor im Original), das die Jungs durch die Band „Beasts Of Bourbon“ von Down Under kennenlernten. Die ganze LP ist recht abwechslungsreich. Insgesamt 12 Tracks, mal mit viel Druck und Tempo, dann wieder eher laid back und fast verhalten vorgetragen. Und obwohl das hier natürlich eine Rock LP ist, gibt es auch den einen oder anderen Popsong darauf. „Little Miss Understanding“ ist so einer. Mit eingängiger Melodie, unwiderstehlichem Hook und hohem Mit-Sing-Faktor gehörte dieser Titel eigentlich in jedes Radioprogramm nicht nur bei den kleinen Internetsendern. Bleibt nur zu wünschen, dass die Band auch mal weiter weg von Bielefeld live zu sehen sein wird. Hier in Berlin zum Beispiel. Ich würde hingehen. Einstweilen höre ich die LP immer wieder gerne. Tolle Platte! ****

Album des Monats Juli 2018

BigFeet & LaLa – Pet Me!

BigFeet & LaLa – Pet Me! (LP/CD, Playground Music)

Besetzung:

Marjo Leinonen – lead vocals

Jukka Orma – guitar, organ, piano, backing vocals

Mikko Murtomaa – bass, backing vocals

Sami Vettenranta – drums, backing vocals

 

 

 

 

 

Trackliste:

A1 Brother Cain 03:26
A2 Pet Me 03:55
A3 Skeleton Trees 03:48
A4 Wasted 03:12
A5 Holy (Get A Life!) 04:49
A6 Fly High 03:50
B1 Feel Good 04:46
B2 Ground Woman Homesick Blues 02:18
B3 Funk 04:08
B4 Dig A Hole (Without You) 04:11
B5 Biding My Time 05:26

Aus Finnland mitgebracht habe ich dieses wunderbare Debütalbum der Band mit dem seltsamen Namen BigFeet & LaLa. Erschienen ist die LP bereits Ende April, aber in einer so kleinen Auflage, dass man inzwischen längst nur noch die CD Version regulär bekommt. Die beteiligten Musiker sind übrigens in Finnland durchaus keine Unbekannten. Jukka Orma, der Gitarrist und Hauptsongschreiber hier, begann seine musikalische Karriere Ende der 1970er Jahre. 1981 schloss er sich der damals ziemlich angesagten Band Hassisen Kone um den Sänger Ismo Alanko an. Und nach der Auflösung der Band war Orma dann auch Gitarrist der Nachfolger Sielun Veljet, die eine ziemlich geniale Mischung aus Rock, Funk und Psychedelia bis Ende der 80er spielten, aber über Kultstatus eigentlich nie wirklich hinaus kamen. Auch an diversen Side Projects von Ismo Alanko war Orma beteiligt. In den 1990er Jahren tauchte Orma als Gastmusiker bei diversen Produktionen bekannter und erfolgreicher finnischer Rock und Pop Musiker auf. Und er veröffentlichte auch ein paar solo LPs, die letzte 2016. Mit Marjo Leinonen, der Sängerin hier, kam Orma 1989 in Kontakt. Er produzierte die Debüt LP der finnischen Blues Rock Band Balls, deren Sängerin Leinonen war. Der Drummer hier mit dem Spitznamen Sande spielte schon bei den Balls mit Leinonen zusammen. Und der  Bassist Mikko Murtomaa ist in der finnischen Blues und Soul Szene auch kein völlig Unbekannter. Zusammen bieten die vier hier ein großartige Mischung aus funkigem Blues, groovenden Soul Parts, rauem R&B und mitunter sehr gefühlvollem Jazz informiertem Surf Pop. Leinonen hat eine durchaus kraftvolle Stimme, die bisweilen an Etta James oder gar die jüngst verstorbene Aretha erinnert. Auch Janis Joplin kann als Referenz herangezogen werden, obwohl Marjo nie in dieses Gröhlen und Kreischen verfällt, das Janis auf der Bühne mitunter im Überschwang hören ließ. Elf Tracks sind hier versammelt. Erstaunlich abwechslungsreich, so dass nicht nur Puristen ihre Freude an dieser Platte haben können. Für mich ist das bereits jetzt ein Album des Jahres! ****1/2

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