Live – 33 Jahre Twang!

33 Jahre Twang! – A Tribute to Mike Korbik

Eigentlich bin ich ja befangen. Was kann ich schon über eine Veranstaltung schreiben, die mir selbst gewidmet ist? Andererseits möchte ich mich natürlich auf jeden Fall bei denen bedanken, die das alles vorbereitet, organisiert haben.

Und natürlich auch bei allen Musikerinnen und Musikern, die aufgetreten sind im Quasimodo am 17. November 2017. Und schließlich möchte ich all denen, die nicht dabei waren, einen kleinen Eindruck vermitteln von dem, was sie verpasst haben. Es war ein wirklich denkwürdiges Ereignis; eine Sause, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde! 18 Bands bzw. Künstler in knapp fünf Stunden. Dazu großartige Musik vom Plattenteller aufgelegt von

DJs Natalie Stardust und Siggi

Natalie Stardust und später auch von Siggi von The Groovy Cellar und schließlich zwei wortgewaltige Conférenciers.

Der ganze Laden war mit Twang! Devotionalien dekoriert. Veranstaltungsplakate, Plattencover, Fotos und vieles mehr hing an den Wänden oder war in Vitrinen ausgestellt. Ich muss an dieser Stelle nochmal betonen, dass ich im Vorfeld nichts wusste. Nicht wer auftritt, nicht was sonst so passieren sollte. Ich bekam einen Monat vorher zu meinem Geburtstag lediglich eine kryptische Einladung zu einem nicht näher bezeichneten Event. Ok, die Vorankündigung des Veranstalters Trinity erreichte mich dann auch wenige Tage später. Schließlich bin ich in deren Verteiler. Aber was mich dann ab 21 Uhr im Quasimodo

Sebastian & Lothi

erwartete am 17.11.2017, das übertraf alle meine Vorstellungen. Durch den Abend führten Lothar „Lothi“ Berndorff und Sebastian Boes, den meisten besser bekannt als Joe Carrera. Wie ich inzwischen weiß gehörten die beiden auch zum engeren Vorbereitungsteam der Veranstaltung zusammen mit Lothars bezaubernder Frau Dunja und Stephan „Nutty“ Schulz.

Laute Musik geht im Quasimodo ja immer erst nach 22 Uhr. Zuerst wurde also ein Video gezeigt von der Band The Chud, deren Single „Don’t Call Me Batman“ die bestverkaufte Single auf Twang! ist. Matthias „Vic Count“ Gumz, der frühere Sänger und Gitarrist der Band, war auch anwesend, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, auf der Bühne etwas darzubieten. Ebenso im Publikum war Rick Zontar, der frühere Organist von The Chud. Ein zweites Video der Band The Grip Weeds aus New York, die extra eine Grußbotschaft produziert hatten, konnte aus technischen Gründen nicht gezeigt werden. Inzwischen ist es bei Facebook zu sehen. The Grip Weeds sind übrigens neben Sandy Hobbs die Künstler mit den meisten Veröffentlichungen auf Twang!

The Weirdo Stompers

The Weirdo Stompers

Den Reigen der Live Darbietungen eröffnen The Weirdo Stompers, die Band, die seit rund 25 Jahren existiert, aber bis heute nur einen Track zur Twang! Jubiläumsbox vor 22 Jahren beigesteuert hat. Ihren flotten rein instrumentalen Surf Beat bieten sie in der damaligen Originalbesetzung dar. Leider hat Sandy Hobbs etwas mit verstimmten Gitarrensaiten zu kämpfen. Ich werde das erste Mal auf die Bühne gebeten und nehme eine von Sandy extra zusammengestellte CD in Empfang, die die frühesten Beatitudes Aufnahmen enthält, wie sie bereits 1983 als limitierte Chromkassette unter dem Twang! Label erschienen. Der Kater war übrigens damals noch nicht dabei. Der kam erst mit Gründung der Twang-Tone Vinylwarenhandlung.

Patrick (Popnauts)

Simon (Popnauts)

Die erste große Überraschung sind dann The Popnauts aus Bonn, die extra angereist sind und seit über 20 Jahren nicht mehr gemeinsam auf der Bühne standen. Sie spielen ihre Twang! Single sowie „I Think We’re Alone Now“ (Tommy James & The Shondells), und sie haben es immer noch drauf. Klasse Pop Punk wie eh und je!

 

 

 

 

 

Les Black Carnations

Katharina Franck

Les Black Carnations folgen und sorgen bei mir für die bewegendsten Momente an diesem Abend. Dass ich diese Band noch mal wieder fast in Originalbesetzung mit Justine Time (aka Katharina Franck) auf der Bühne erlebe, hätte ich nie zu träumen gewagt. Und es klingt genau so wie damals, vielleicht sogar einen Tick besser noch! Gänsehaut pur! Vier Songs, davon drei, an denen ich sogar als Autor beteiligt bin. Katharina legt sich voll ins Zeug und überzeugt mit ihrer wundervollen kräftigen Stimme. Der „Aushilfs“-Gitarrist ist großartig! Mir stehen Tränen in den Augen.

The Profanes

Als nächste stehen The Profanes auf der Bühne. Von Lothi angekündigt, als eine Band, die so gerne ihre aktuelle Single auf Twang! veröffentlicht hätte. Hätten sie mich gefragt, ob sie das Label verwenden dürfen, es wäre kein Problem gewesen. Ich erinnere mich, dass ich die Band vor gut 25 Jahren öfters live sah. Ihr Demotape liegt heute noch bei mir im Schrank mit den anderen Überbleibseln der Twang-Tone Laden Ära. Sie spielen ihre aktuelle Single, die sie ganz allein veröffentlicht haben. Trotz des Titels „Heavy Metal Boys“ eher typischer Indie Pop. Hübsch und unspektakulär. „Summertime“, der zweite Song, eine freundlich dahin fließende Gitarren Pop Ballade.

Barbara (Cuban Rebel Girls)

Danach sind die Cuban Rebel Girls dran, die für einen kurzen Moment um 1997 herum zu den vielversprechendsten Garage Pop Hoffnungen hierzulande gehörten. Da ihre Leadsängerin Jane unabkömmlich irgendwo in Spanien weilt, haben sie die frühere Sängerin der Beatitudes Sabine Jaeger für den Auftritt ausgeliehen. Sabine macht das mit Bravour. Ihre kräftige Altstimme evoziert nicht zum ersten Mal Mariska Veres oder Grace Slick. Vorgetragen wird die Twang! Single „Cry Baby Killer“, und ein Cover von „Love Will Tear Us Apart“ kommt ebenfalls zur Aufführung. Den Song hatten früher ja auch mal The Beatitudes im Live Repertoire.

 

Sabine Jäger & The Beatitudes

Sabine Jäger & The Beatitudes

Und Sabine bleibt gleich auf der Bühne, denn nun sind The Beatitudes dran, die Band mit der alles anfing. Bis auf Sabine und Raimund am Schlagzeug ist allerdings keines der damaligen Bandmitglieder dabei. An der Gitarre helfen Ralf Lehmann und Peter Weiss aus und am Bass Michel Füstmann. Zwei Titel von der Debüt EP werden geboten, wobei „The Frozen Seas Of Io“ live deutlich besser klingt als damals auf der Platte. An das Original von The Vogue kommt es auch diesmal nicht ran. Macht aber nichts; schon die Tatsache, dass diese fantastische Psych Pop Nummer überhaupt gespielt wird, ist lobenswert.

Kathy (Petting)

Die Band Petting muss auch ohne ihre Sängerin auftreten, die wohl andere Verpflichtungen hat oder im Urlaub ist. So genau hab‘ ich das nicht mitbekommen. Gitarrist Peter Weiss singt also auch und präsentiert die eher Polka Rock orientierte Seite der Band, die sonst ja mehr Yé Yé Pop spielt.

Lemonbabies

Ein weiteres Glanzlicht des Abends folgt in Gestalt von drei Lemonbabies. Julia ist aus der Schweiz angereist. Katy und Diane sind auch da. Drei ganz frühe eigene Songs singen sie überwiegend a capella, Diane spielt auch akustische Gitarre. In ihrer Ansage betont sie, wie bedeutend mein Engagement für sie war, und dass ich ihren Lebensweg durchaus mit beeinflusst habe. Schon wieder bin ich zu Tränen gerührt. Im Verlauf des Abends höre ich Ähnliches noch von anderen Musikerinnen und Musikern.

 

 

The Hawks

Nach einer kurzen Pause geht es weiter mit The Hawks. Damals die stärkste Konkurrenz der What…For! in Berlin, auch wenn sie mit ihrem Hammondorgel Sound und dem Jim Morrison nacheifernden Sänger mehr nach The Prisoners klingen als nach The Pretty Things. Die Band tritt in Originalbesetzung an. Und was soll ich sagen? – Sie haben’s noch voll drauf!

Lothi (The Candy Dates)

Auch The Candy Dates sind in Originalbesetzung erschienen. Und auch sie haben ihren fröhlich frischen Splash Pop nicht verlernt. Lothis jungenhafte Gesangsstimme hätte eigentlich schon damals die Mädels in Scharen in ihren Bann schlagen müssen. Bei „Another Girl, Another Planet“ schummelt sich die Band wie schon früher rein in das Stück, das aber natürlich trotzdem ein absolutes Highlight des Abends ist.

 

 

Gunnar (The Candy Dates u.a.)

Pierre Le Fou

Der frankophile Pierre Le Fou spielt seinen damaligen Twee Pop „Hit“ „My Girlfriend Is A Terrorist“, und auch dieses Stück Indie Pop hat nichts von seinem Charme eingebüßt.

The Groovy Cellar mit dem Magic Shoemaker sind eine der Bands, die noch immer existieren und sogar noch gelegentlich neue Platten veröffentlichen. Sie spielen natürlich ihre Twang! Single, die zu meinen ganz persönlichen Favoriten nicht nur des Twang! Labels sondern des zeitlosen Gitarren Pop generell gehört. Ich hab‘ das schon öfter geschrieben, aber man kann es nicht oft genug sagen, Olaf Schumacher ist einer der besten Songwriter in diesem Land. Und „Good Girls Go To Heaven“, das er schon mit den Most Wanted Men spielte und nun wieder, ist auch so ein wunderbares Splash Pop Stück.

 

 

The Groovy Cellar

Mind Kiosk

Ursprünglich aus Hildesheim, inzwischen aber wohl alle in Berlin ansässig, die Band Mind Kiosk gehörte auch mal zu den Hoffnungsträgern der Britpop orientierten psychedelisierten Rock Musik in diesem Land. Mit Kula Shaker hatten sie damals nicht nur den Grafiker gemeinsam.

 

 

 

 

Mind Kiosk

Ihren Leadsänger haben sie an eine politische Sekte verloren. Aber auch so ist ihr Auftritt vollends gelungen.

The Beat Godivas

 

 

 

Nun sind The Beat Godivas an der Reihe. Gitarrist und Sänger Daniel lebt seit langem in den USA und ist daher nicht dabei. Dafür springt Tobi von den Candy Dates ein, den man heutzutage auch als Der Dünne Mann kennt. Die Beat Godivas Musik changiert zwischen Americana und kraftvollem Gitarren Rock. Ihre Version von Grant Harts „2541“ gefällt mir fast besser als das Original.

 

 

Diee Soc’s

Wieder für eine große Überraschung sorgen Diee Soc’s aus Fürth. „Mir san die Socks aus Föd!“. Sie haben es zwar damals nur in die Twang! Jubiläumsbox geschafft mit einem Track, aber live sind sie mir bis heute eine der liebsten Bands der deutschen Garage, Mod und Sixties Szene. Mit zwei Bassisten sind sie gekommen. Am Schlagzeug ist Henni aus Berlin für den verhinderten Armin. Die Band ist eine Wucht, wie immer! Laut, chaotisch, dabei von explosiver Spielfreude. Das ist Garage Punk pur! Der knappe Auftritt gipfelt in ihrer Version von „Action Woman“ mit viel Feedback und Radau.

 

 

Rhythm & Beat Organization

Rhythm & Beat Organization

Die jüngste Errungenschaft des Twang! Labels, die Rhythm ’n’Beat Organization, ist danach auf der Bühne. Wie immer in großer Besetzung mit Bläsern. Es handelt sich ja hier um eine Art All Star Band der Berliner Beat Szene der letzten knapp 30 Jahre. Olivier ist gut drauf, allerdings auch schon ein bisschen drüber. Musikalisch bietet die Band tollen R&B mit Soul und Mod Versatzstücken und französischem Flair.

 

 

Thorsten, Sebastian, Mike, Lothi

Sascha, Sebastian, Mike, Lothi

Zwischendurch muss ich übrigens noch zweimal auf die Bühne und Huldigungen entgegen nehmen. Aber was soll ich da denn sagen? Natürlich bin ich überwältigt und zutiefst gerührt von dem ganzen Aufwand, von der Ehrerbietung. Der immer wieder im Verlauf des Abends zitierte Satz, den ich wohl öfters gesagt haben soll „Dit bringt doch allet nüscht!“, der passt jetzt ja nicht so recht. Wolfgang Doebeling, der übrigens bis zum Schluss ausharrte (mein besonderer Dank dafür), sagte später zu mir: „Aus dir wird wohl keine Rampensau mehr.“ – Recht hat er; wollte ich auch nie sein.

 

The What…For!

The What…For!

Als letzte Band kommen The What…For! dran. Sie spielen genau in der Besetzung, in der sie damals im Oktober 1991 mit den Lemonbabies auf Tour waren. Also mit Thomas Riese an der Lead Gitarre, dem Fachmann für kurze knackige Schweine-Soli. Und mit Philipp Tausch an der Rhythmus Klampfe. Die Band spielt etwas länger als die anderen und gibt auch noch eine Zugabe. Bewährter Stoff wie immer.

 

 

 

The What…For!

Inzwischen hat sich das Quasimodo schon etwas geleert. Bevor Lothi dann noch einen letzten Höhepunkt präsentiert, kommt Peter Subway auf die Bühne. Eigentlich sollte er wohl früher spielen, aber nun ist er ja da. Nur mit akustischer Gitarre und Mikrophon tritt er an. „What’s My Scene“ von den Hoodoo Gurus bringt er und noch zwei eigene Songs. Auch das gewohnt solide. Von ihm sind ja über die Jahre auch drei verschiedene Platten auf Twang! erschienen.

Zum endgültigen Schluss will Lothi dann unbedingt noch meine Lieblingssingle aller Zeiten von Jimmy Curtiss zum Besten geben. Stephan zupft den Bass, nicht ohne zu bemerken, dass er das nur mir zuliebe tut. Eigentlich mag er das Stück nicht. Lothi hat auf jeden Fall die geeignete Stimme für „Psychedelic Situation“. Und Siggi an der Orgel macht die Sache perfekt, während der unermüdliche Gunnar zum wiederholten Male die Drum Sticks schwingt.

Ich bin nun schon ziemlich K.O. Immerhin ist es Halbvier Uhr morgens. Sowas bin ich nicht mehr gewöhnt. Doch es war eine rundum gelungene Sache. Später zuhause kann ich noch lange nicht schlafen. Mir gehen sämtliche Auftritte, alle Gesichter immer wieder durch den Kopf. So vollkommen zufrieden und froh war ich schon lange nicht mehr nach einer Sause im Berliner Nachtleben.

Übrigens war das Quasimodo sehr gut besucht. Nicht ausverkauft, aber gut gefüllt. Viele alte Bekannte waren da. Den einen oder die andere hatte ich wohl 20 Jahre nicht mehr gesehen. Schade nur, dass ob der Fülle des Programms keine Zeit für Gedankenaustausch und Gespräche war. Das sollte man bei Gelegenheit nachholen.

Wer den Beitrag in der Berliner Abendschau verpasst hat, kann ihn noch in der RBB Mediathek finden. Die Sendung war am 18.11.2017 um 19:30 Uhr. Der Beitrag kommt nach ca. 21 Minuten. Was im Beitrag nicht vorkommt, der Interviewer fragte mich im Verlauf unseres Gesprächs, warum ich das alles wohl gemacht habe. Im ersten Moment war ich ein bisschen perplex. Aber dann kam meine Antwort ohne zu zögern: wegen der Musik natürlich! Weshalb denn sonst?

Und? Hat dit nu wat jebracht? – Mir schon – eine Menge großartiger Musik! Eine gute Zeit mit vielen lieben Menschen und ganz viele schöne Erinnerungen. Allein dafür hat sich das alles doch gelohnt. Vielleicht sollte ich doch mal anfangen, das alles aufzuschreiben. Mein Freund Klaus nervt mich deshalb schon seit langem.

Alle Fotos Copyright Barbara Kohn und Klaus-Dieter Götze

 

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